Uwe Gellner, "Im Vorgang der Malerei"
Gesetzt ist die Bildebene, dazu kommen die Farben. Thomas Blase ist kein Maler, dem es darum geht, Dinge auf der Leinwand abzubilden. Es hilft der Betrachtung, den ersten Eindruck verstreichen zu lassen und einen Blick dafür zu gewinnen, was den Maler einnahm, als er Farbe um Farbe, Schicht um Schicht die Bilder malte, kaum eines der Bilder in einem Zuge durch. Malerei entsteht nicht im Handumdrehen.
Gestrichen, gekratzt, gespachtelt, verströmt, seit Jahren spielen die Farben auf den Leinwänden die Rolle hereinbrechender Elemente. Licht und Dunkelheit, Trockenheit und Nässe, wenn dann noch der Wind die Farben im Bild durchkämmt, können wir das auf der Haut spüren. Die Bilder zeigen keine wirklichen Landschaften, sondern atmosphärische Farbverbindungen in emotionaler Verdichtung. Thomas Blase verwendet keine Titel, wodurch sich Orte festmachen könnten. Die Zuweisung unter der Bezeichnung Landschaft ist nur eine im Bildgeschehen vermutete, aus dessen Stimmungslage empfangene Idee und sie ist optional.
Bei der Betrachtung von Bildern sich in den Malvorgang einzusehen, einzufühlen und abzuwarten, was die darauf versammelten Bildelemente auf den zweiten Blick sichtbar machen, ist schon allein deshalb sinnvoll, weil uns die Gewohnheiten des alltäglichen Bildgebrauchs heute kaum auf Malerei vorbereiten. Viktor Schklowskij war es, der meinte, es sei die Technik der Kunst, die „Wahrnehmungsdauer zu verlängern“, oder die Zeit zu verlangsamen. Wie viel mehr muss das heute gelten, über hundert Jahre später und nach all der Beschleunigung, welche die Menschen immerfort zu verspüren glauben.
Thomas Blase ist ein bedächtiger Sprecher und ein ruhiger, genauer Beobachter. Man bemerkt in der Begegnung mit ihm die manchen Künstlern eigene Zurückhaltung oder innere Fassung, die es mit sich bringt, sich nicht auf eine Weise den äußerlichen Abläufen im Alltag auszusetzen, wie es die meisten Menschen mit sich geschehen lassen. Malerei bindet sich nicht an irgendwelche Dinge von außerhalb, sie erlangt die Unverwechselbarkeit im Spiegel ihrer Handhabung zumeist in langwierigen Abläufen im Atelier und begründet sich naturgemäß individuell.
Seit Jahren ist es die Technik seiner Bilder, uns vom Ort unserer Betrachtung ins Geflecht der Farbtöne auf der Bildfläche hineinzuziehen. Gern wechselt Thomas Blase mit den Farben auch die Methode des Farbauftrags, die Textur. Zumeist lenkt das Licht den Blick auf seinem Weg zwischen den übereinander verlaufenden farbigen Zeichensetzungen, Vorhängen und Wänden in die Tiefe. Diese Wanderung der Augen ins Bild schafft sich den Raum, wir unterliegen der Imagination, und wer sich hineinversenkt, den umgibt die Tiefe greifbar.
Man muss es nicht aus seinem Mund hören: Thomas Blase ist Romantiker. Ob sich jemand in Künstlerromantik ergeht oder ob es darum geht, die Malerei ernst zu nehmen – ein Romantiker folgt im Herzen immer einer ethischen, nicht einer strategischen Idee: worauf sich die Aufmerksamkeit seiner Betrachtungen richtet, was er riskiert, woran er sich bindet und der Grad der Beunruhigung angesichts all dessen. Ein solcher Maler folgt seinem Verlangen mit Konsequenz und akzeptiert die Folgen. Sein Naturell hat C. D. Friedrich einmal beschrieben, indem er warnend meinte: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“
Manchmal vergehen Wochen wartender Selbstbefragung, in denen Thomas Blase den nächsten Schritt auf der Leinwand vor sich herschiebt. Der Maler scheut den Zwang, er will sich das Abenteuer erhalten, das ihn immer wieder zur Staffelei zieht, und er will den Ausdruck des Bildes nicht im Automatismus von Gewohnheiten oder Effekten ersticken. Bilder entstehen in die Leere hinein. Mit welchem Recht tritt eine Farbe auf die Bildfläche, wo es all die anderen Töne gibt? Die Antwort könnte sein, weil sie auf der Palette war und einzutrocknen drohte, oder simpel: weil sie eine Farbe ist. Nominell bedarf es mindestens einer Farbe, um sie auf der Leinwand zu verteilen, wie viele es sein werden, zeigt sich, wenn der Maler damit aufhört, dies zu tun.
Der Ausgangspunkt verändert sich, indem etwas abreißt und der Weg zurück plötzlich versperrt wird. In früheren Bildern brachte die partielle Übermalung oft eine Befreiung im laufenden Malprozess, gern auch das farbige Übergießen der Bildfläche, das die Voraussicht einschränkt, was sich danach überdeckt, vermischt, addiert, verwischt. Seine Fähigkeit, von der Leinwand zurückzutreten, Farbverläufe geschehen zu lassen, ist eine wesentliche Erfahrung, die Thomas Blase aus diesen Bildern gelernt hat. Aktuell überziehen die Bewegungsvorgänge der Farben die Bilder seltener in großen Schwüngen und Flächen, sondern in zahllosen schmalen Wegen und kleinen Flächen, verteilt in einer Art durchlässiger Struktur.
Wir entdecken in den neueren Bildern von Thomas Blase einen gewandelten Maler. Doch wie formbar oder flexibel ist eine Persönlichkeit? Der Maler bearbeitet die Leinwand mit Farben, und die daraus hervorgegangenen Bilder bearbeiten den Maler, lenken seinen weiteren Weg. Wir können auch sagen, die aktuellen Bilder können erst gemalt werden, nachdem die vorherigen gemalt wurden. Malerei, wenn Thomas Blase sie praktiziert, heißt nicht abzuspulen, was er denkt oder weiß. Die Bilder verlangen Entscheidungen, die immer wieder auf das Wechselspiel von Intuition und Entropie hinauslaufen, mal von der einen oder der anderen Seite dirigiert.
Zug um Zug verdichtet sich ein Bild, das war der Plan schon immer, aber in den letzten Jahren, etwa seit 2015, erzwingen es die Malbewegungen der Hand, ihren Weg über die Bildleinwand zu bezeugen. Die Pinselspuren lassen die Farben auf-, neben- oder ineinander treffen, dies unverkennbar mit Courage.
Thomas Blase möchte, und wir berühren hier eine Prämisse seines Bildverständnisses, jeder seiner Handlungen auf der Bildfläche, jeder Farbe, jeder Pinselspur die Legitimität für den Bildzusammenhang belassen. Klar ergeben sich unvermeidlich Überlagerungen, aber nie akzeptiert der Maler farbige Vermischungen, in denen die ausgewählten Farben aufgegeben werden und verloren gehen müssen. Immer die nächste Farbe, womöglich ein grelles Gelb-Orange, überrennt den vorhandenen Stand mit Bändern und Schlaufen, legt sich in das immer dichter werdende Maschengeflecht des gesamten Bildes, lässt die Malfläche pulsieren. Vor Jahren undenkbar, können neuerdings Aktivität und Lärm das Bild in Besitz nehmen, was die Assoziationen weg von Landschaft oder Stillleben und hin zu Menschengruppen oder Stadträumen zieht. Diese Kompositionen unterliegen anhaltenden Vibrationen, und die von den Rändern aufziehende Bedrängnis in Bildraum und Farbklang gewährt unserer Betrachtung deutlich weniger Abstand. Handelt es sich nur um eine Übergangsphase?
Die neuen Bilder scheinen eine Zone von Erfahrung und Empfindungen in der Person von Thomas Blase zu berühren, die erst jetzt schrittweise zugänglich wurde, von der vermutlich auch der Maler selbst wenig wissen wollte, solange er sich im Prozess seiner Malerei nicht darauf zu besinnen wagte. Wir erleben eine in Form, Methode und Temperament gereifte Haltung des Malers, die ohne Scheu auch äußere Konflikte ins Bild lässt. Uns begegnet eine Sprache der Malerei, die sich nicht in illustrativen Abhandlungen verzettelt, sondern sich in ihrer Gesamtkonstellation visuell direkt, pur und unmittelbar mitteilt. Der frühere Blick in die Tiefe wird nun an der Oberfläche abgefangen, Zurückgezogenheit hat sich ins Dialogische gedreht, die neuen Bilder sind oft größer im Format, aber dennoch ausschnitthafter.
Welche Erzählung sollte ein Bild enthalten, wenn nicht den Vorgang der Malerei, aus dem es hervorging und in den es folglich verwickelt bleibt? Malerei ist die Grundmotivation, die Thomas Blase nicht loslässt, ihr seine Sprache zu geben, demzufolge die Aufgabe. Damit liegt er vielleicht aktuell nicht im Trend, aber trifft auf das Grundverständnis des Bildmediums. Wir durchlaufen ein dicht gewachsenes Werk, sehen kaum, was es bedeutet haben muss, die Jahre des bohrenden Selbstzweifels und der tastenden Suche nach dem eigenen Weg zu durchleben, bis sich Gewissheit allein aus dem Prozess herausbilden konnte, der der Richtung fortan einen Weg weisen konnte und heute alle Bildrealitäten zulässt. Wenn das Bild plaudern will, dann bitte, wenn es schweigen will, dann auch das. Farbige Unmittelbarkeit sichert ihr die emotionale Schrankenlosigkeit. Nichts steht dazwischen. Zeigt sich eine Komposition verschränkt, dann um unsere Aufmerksamkeit zu fordern, unsere eigenen Bezugspunkte aufzutun, um hinter dem Schleier des Offensichtlichen bis zu den sensiblen Untertönen und Harmonien im Bild vorzudringen.
Wir sprechen nicht über Sicherheiten in der Malerei. Dazu kann die Öffentlichkeit auch wenig beitragen. Sie kann, was mehr bedeutet, aufmerksam teilnehmen.