Rüdiger Giebler, Landschaftsmalerei
Die meisten Menschen haben andere Sorgen als diese Bilder und das ist leider nicht richtig. Schönheit ist ein flüchtiger Zustand. Thomas Blase malt immer wieder den imaginären Blick aus dem Fenster. Landschaft ist nun mal nur das was man sieht, wenn man aus dem Fenster blickt: Zug, Auto, Küche, Bad, Atelier. Der Ausblick hat etwas flüchtiges, die Szenerie wartet auf einen bevorstehenden malerischen Wetterumschwung. Was denkt der Mensch wenn er aus dem Fenster schaut: was ist Kultur, was ist gemacht, was ist unvermeidlich, was kann gestaltet werden, was ist Schicksal?
Die Bilder tragen keine Titel. Das ist Logisch. Sie sind stumme Orakel. Da ist nichts in der Ferne und das was ist, geht vorüber – oder in dem weiten Raum sehen wir auf einmal andere Möglichkeiten aufscheinen als im Inneren Ich. Aber auch das geht vorüber.
Landschaft: das sind viele Schichten von verformten Ablagerungen, Humus und Sand und Geröll und Felsen. Erosion, Vegetation-Wechsel, tektonische Verschiebungen, jene Spuren, die Kalt- und Warmperioden hinterlassen. Und dann kommen so kleine Wesen und die hinterlassen Kulturlandschaften, Industrielandschaften, Bergbaufolgelandschaften, Stadtlandschaften, gewerbliche Mischnutzungen, Ruinenlandschaften, die wiederum wahlweise romantisch oder – wie jetzt wieder aktuell in Europa – als aktives Schlachtfeld.
In der Malerei gibt es belebte Landschaften die heißen dann: die Heuernte, oder Napoleon bei Borodino oder Berliner Straßenszene – und es gibt die Unbelebten, die heißen: der Böhmerwald, der Seerosenteich, die Toskana, das Eismeer, die Kreidefelsen von Rügen. Bei Thomas Blase liegen alle diese Landschaften übereinander, als Extrakt oder Minimierung gesehener Dinge. Jede Landschaft ist eine Seelenlandschaft, weil Landschaft nur da ist, wo die Seele etwas sieht, alles andere ist unsichtbar wie die Higgs-Boson-Teilchen.
Es geht um den Raum in dem man sich bewegt, der vor einem liegt, der notwendig ist um unsere Lebensfunktionen zu erhalten, also die Luft zum Atmen. Das Geheimnis der Landschaft als Seelen-Orakel, ist das Geheimnis des Gartens, der Paradiesvorstellung. Die Erwartung, die in einer Aussicht liegt, in der “schönen Aussicht”, ist der Traum von der Kultivierung des Blickes, der Blick schweift freundlich über die von höherer Stelle versprochenen Komfortzonen. Für den wachen Verstand müsste sich spätestens jetzt der Horizont vernebeln. Diesen Moment malt Thomas Blase.
Man hat noch einen gewissen Duft in der Nase der kommt vom Prozess des Durchtrocknens der Farbflächen, ein ätherisches Diffundieren. Wir sehen Farbflächen: Flecken, Lachen, Pfützen. Thomas Blase spielt mit einem berechneten Kontrollverlust bei der Entstehung des Bildes. Der Zufall darf eine gewisse Zeit mit malen. Die Farbe läuft in ihren Raum. Sie formiert sich in mehr oder weniger transparent überlagerte Schichten. Die Ränder der Formgruppen sind die Verlaufsränder, die Außengrenzen der Farblachen, Trocknungsringe. Ölfarbe hat die Eigenart malerische Effekte zu erzeugen, auch wenn der Autor das Material einfach laufen lässt, eine Form der Verselbstständigung des Materials.
Diese Bilder werden erst nach einiger Zeit aus der Waagerechten in die Senkrechte gekippt. Gezogene Striche, Linien, Felder werden sehr behutsam eingefügt, keine Brüche, alles bleibt in der Balance. Der Künstler schleicht sich hier nicht etwa raus aus der Verantwortung, es geht um eine gewisse Distanz zu einem aktiven handgreiflichen, handwerklichen Prozess. Zu fünfzig Prozent ist es ein Malen mit den Händen in den Hosentaschen. Das ist Ausdruck der Skepsis dem Objekt gegenüber, sowohl dem betrachteten als auch dem geschaffenen.
Zum Schluss geht es dann auch nicht um Korrekturen, sondern um eine Bewilligung, Autorisierung des Objektes. Zum einen geht es darum, dem Chaos Einhalt zu gebieten – zum anderen ist ein Zurückstellen der Handschrift hinter der Form, das Kaligraphische wird zurückgenommen. Der Autor der Farbverläufe betreibt sein Spiel mit dem Betrachter. Was wollen wir sehen, wie sortieren wir uns die Welt nach Oben und Unten, Hinten und Vorn, Wichtig und Unwichtig, Bedrohlich, Freundlich, Annehmbar? Wie weit wollen wir oder müssen uns dem Sichtbaren assoziativ nähern. Gibt es so etwas wie einen Deutungsdrang?
Der Raum: schwebende Horizonte, diffuses Material, transparente Flächen – das alles werden Volumen leichter flüchtiger Stoffe. Die Farbmaterie besteht aus unscharf definierten abstrakten Massen. Da nähern wir uns der höheren Mathematik oder dem tieferen Sinn. Letztlich geht es hinter und in all den vermeintlichen Nebelschlieren um den konkreten Anblick, um das Fangen der unbegreiflichen Realität. In den durchdringenden Sphären gibt es keinen festen Grund, keine zwingenden Perspektiven, keine Bauvorhaben, kein Raumordnungsverfahren. Malen ist materialisiertes Nachdenken, im Kopf des Malers entsteht ein Höhlengleichnis, die Bilder sind ihr tiefgestaffeltes Kondensat. Alles ist leicht, es gibt keine Vorgaben an das Publikum, keine Agitation – aber eines taucht endlich wieder auf in diesen Farbschatten: das Hallesche Grau, wohlvertraut und gepflegt von Knispel, Kitzel, Bunge, Hahs, Bachmann Möhwald. Das hat nichts mit Verschmutzung, Ermüdung, Resignation oder Bescheidenheit zu tun – das ist der Hallesche Topos sensitiver Emotionen oder mit anderen Worten ein höchst gefühlvolles Empfinden der Welt gegenüber.