Jörg Wunderlich, Laudatio UFO-Galerie

Ich freue mich, hier heute abend ein paar Worte sagen zu dürfen über Künstler und Werk. Es gibt eine kleine Reihe mit Malerei im UFO, genannt edition sensus, entstanden als Angebot bei einem Gespräch mit Galerist Holger Neumeier. Diese Reihe soll eine Lücke schließen helfen, die hier lokal in der Wahrnehmung von Malerei entstanden ist. Begonnen haben wir mit Torsten Pfeffer im letzten Jahr, einem jungen Leipziger Künstler, der sich simultan in den Sphären Musik und Bildkunst bewegt.
Heute abend also eröffnen wir die 2. Ausstellung dieser Reihe. Es ist schön, dass wir Thomas Blase dafür gewinnen konnten, hier eine kleine wichtige Auswahl neuerer und neuester Werke auf Leinwand zu zeigen. Kennengelernt habe ich Thomas Blase vor vier Jahren, als ich selbst auf der Suche nach einem Lehrer oder Mentor war, der mit meinen eigenen Bildern etwas anzufangen weiß. Der Effekt für mich war ein bißchen der des Wanderers, der die Wüste geschafft hat und sich plötzlich an einer Quelle wiederfindet und gar nicht richtig weiß, wie ihm geschieht. Es wurde nicht nur eine Mentorschaft fürs eigene Kunstdiplom, sondern auch eine sehr wichtige Freundschaft für mich daraus.
Sie merken also, ich stehe hier nicht unbedingt als neutraler Kunstbeobachter, -kritiker, -sachverständiger oder so etwas, aber das verträgt diese Veranstaltung, denn es handelt sich um eine laudatio.
Ein paar Eckdaten der Künstler-Vita möchte ich nennen: Thomas Blase ist 1962 in Jena geboren, aufgewachsen in Naumburg und Sangerhausen, studierte zuerst in Halle an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein, ging dann 1988 an die Kunstakademie nach Dresden, absolvierte 1993 dort das Diplom im Fach Malerei bei Prof. Claus Weidensdorfer. Von den Künstlern, die in Dresden zu der Zeit als Lehrer wirkten, erwähnt Thomas Blase immer wieder Elke Hopfe sowie Siegfried Klotz als entscheidende Impulsgeber. Überhaupt betont er immer wieder das Glück, diese Akademie in ihren sehr freien späten DDR- und Wendejahren besucht zu haben, also sowohl von der Tradition dieser Malerschmiede zu profitieren als auch teilzuhaben an einem geistigen Klima der Öffnung, des Experiments und der Neulandgewinnung. 
Als wichtige Ausstellungen respektive Ausstellungsbeteiligungen wären zu nennen: 1997 in der Galerie PulsArt in Winterthur/Schweiz, 2000 in der Baumwollspinnerei zu Leipzig, 2003 Kunst-Sachsen-Anhalt2 im hiesigen Landesmuseum und 2008 in der Galerie Susanna Ruegg in Zürich. Thomas Blase war zweimal Stipendiat der Stiftung Kulturfonds 2001/2003 und einmal dazwischen im Kunstverein Röderhof 2002.
Trotz der Dresdener Jahre blieb Thomas Blase weiterhin Wahl-Hallenser und ist es bis heute geblieben. Hier entstand und entsteht also sein Werk, das wir anschauen können als permanent im Fortschreiten begriffen, als fortdauernden Befreiungsversuch innerhalb der Gattungsgrenzen. Zunächst ging es jahrelang sehr stark in die Zeichnung, in die analytische Essenz, in die Reduktion. Dabei hat er sich ein elementares Zeichensystem erarbeitet oder sollte man sagen erkämpft? Fast schon beispielhaft löste sich das Exterieur auf in die grundlegenden raumbildenden Elemente. De-Konstruktion wäre vielleicht ein ganz nützlicher Begriff an dieser Stelle.
Jedes Element, das er für sich dabei herausgeschält hat, den Fleck, die raumgreifende Linie, die stehengelassene Leere, die Übermalung, wird nicht auf seine reine Geometrie zurückgeführt, sondern bleibt organisch und vital und gewinnt dadurch an Autonomie. Heraus kommt dabei kein ausgefeilter Stil und keine Strategie, kein diskursives Agieren, kein weiterer gnadenloser remix, sondern eine originäre visuelle Poesie, die ins größtmögliche Offene strebt, und sich dabei permanent selbst hinterfragt. Größtmögliche Offenheit heißt bei Thomas Blase auch immer, dass sich die Bilder einer allzu konkreten Deutbarkeit verweigern. Die hinterfragende Reflektion betrifft also auch die Bildsujets selbst.
Als einen sinnstiftenden Rahmen finden wir fast immer Elemente einer Reflektion von Landschaft, gleichzeitig streben die Arbeiten aber immer darüber hinaus oder schrecken davor zurück. Ein dramatisches Wechselspiel von Finden, Zulassen, Übermalen und Auslöschen spielt sich ab, hinterläßt aber niemals Leere, sondern den Reichtum der Spuren dieses Prozesses.
"Alles ist für mich Landschaft oder wird zur Landschaft" sagt der Künstler selbst, fast so, wie es einer seiner Lieblingsdichter, Fernando Pessoa, einmal über den Schreibprozeß formuliert hat.
In den letzten Jahren nun gewinnt die Farbe an Präsenz in den Arbeiten, wird in ihrer Materialität teilweise sogar zum führenden Element. Ein individueller Pinselstrich wird dabei vermieden; die geschütteten Farbflächen und eingetrockneten Emulsionen führen ein elementares Eigenleben, bringen ihre eigene Erzählung in das Bild ein. Das Analytische der Zeichnung geht dabei nicht verloren, sondern scheint durch, wird integriert. Die eruptive Dynamik der Farbflecken bringt ungeheure Energie in die Bilder. Auslöschung und Übermalungen scheinen oft der einzige Weg, diese Kräfte zu integrieren. Glückliche Momente, wenn sich ohne vordergründige Absicht eine Balance einstellt, die ein Loslassen des Bildes erlaubt.
Bei aller innerer und äußerer Auseinandersetzung, die wir sehen können, erschlagen uns diese Formen aber nie, stoßen uns nicht vor den Kopf, weder mit Brachialität, weder mit Ironie, weder mit Negation. Es bleibt wunderbarerweise immer eine affirmative und dem Sinnlichen nahestehende Malerei. Das Wort Schönheit, immer noch ein großes Tabu, wagt sich aus seinem Versteck. Es gibt ein ästhetisches Ideal des japanischen Zen-Buddhismus, dem diese Kunst zu entsprechen scheint, und das Richard Powell so zusammenfasste: "Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt."
Genug der Analyseversuche, so eine Rede will ähnlich wie eine weiße Fläche auch erst mal gefüllt sein. Die Bilder hängen, es gibt glücklicherweise auch eine Auswahl Papierarbeiten in einer Mappe, ebenso ältere Kataloge zur Ansicht, die das eben gesagte unterstreichen könnten. Danke, Thomas, für diese Bilder. Zum Abschluß noch ein Zitat von Albert Einstein: "Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen."