Cornelia Wieg, Ausstellungskatalog Landeskunstausstellung Sachsen-Anhalt 2003, Kunst_Sachsen-Anhalt2, Landschaft(en), Wildflecken und Gartenreich
Augenblickliche Landschaften
Thomas Blase geht es um etwas, was die Maler schon seit jeher beschäftigt: das, was wir erleben, was in uns als Raumempfinden, als Lichtstimmung, als Augenblick Empfindungen weckt, in Zeichen, Farben und Strukturen auf die Fläche zu bannen und sich damit die kosmische Komplexität in der ästhetischen Ordnung des Bildes zu vergegenwärtigen und sich ihrer zu vergewissern. Der Maler sieht sich in die Situation und vor die Aufgabe gestellt, trotz und angesichts der überlieferten und aktuellen Bilder, der zunehmenden Geschwindigkeit, mit der sie wechseln und wahrgenommen werden (müssen), ein gültiges Bild zu finden, in dem die Dimensionen unseres Lebens enthalten sind. Seine Suche danach spielt sich im Prozeß des Malens selbst ab und spiegelt sich darin wider.
Besonders gut bewahren die Arbeiten auf Papier, für die verschiedenste Malmittel und Zeichenmaterialien benutzt werden, die Spontaneität und Offenheit des Arbeitsprozesses mit all seinen Ab- und Unterbrechungen, und damit den Vorgang der Bildfindung. Dort ist nachzuvollziehen, wie sich Farbschichten übereinander lagern, ineinander fließen und sich durchdringen. Farben und andere Malmittel behalten Transparenz und konstituieren ambivalente Situationen, die zwischen der Erzeugung von Farbräumen und der Ausbreitung in der Fläche schwanken. Oft werden sie gekreuzt, umfahren, übergittert von Linien. Der Maler legt grafische Strukturen aus, die sich verspannen und verknäulen können, die anheben und wieder abbrechen, die die Farben überfahren und die Bildfläche beherrschen, wie sie auch die Vorstellung von Perspektive und damit Räumlichkeit zu eröffnen vermögen. Es entsteht eine Art Umschlagmöglichkeit von der Fläche in eine Räumlichkeit, die sich der perspektivischen Sicht letztendlich aber doch wieder entzieht. Aus den Zeichen und Farbfeldern imaginiert das Auge Licht und Raum, besetzt das Assoziationsvermögen die Bilder mit Stimmungen. Lichte und verschattete Bildräume rufen Landschaften auf, die nur wie flüchtig wahrzunehmen sind, die nicht beständig zu sein und sich in dauernder Wandlung zu befinden scheinen. Die Assoziation wird im Bild selbst wieder gestört, weil es sich als eigenständiges abstraktes Gefüge behauptet. So wird die Imagination immer wieder verunsichert, unterbrochen, hinterfragt.
Der Augenblick des Wiedererkennens bleibt flüchtig. Das Bild legt seinen Prozeß offen, und es bleibt offen. Die Ordnung des Bildes hebt an und bricht sich wieder, spiegelt sich in sich selbst und setzt neu ein. Zum Code der lesbaren Zeichen, zu dem Stimmungswert der Farbe, der Schwärze der Linie und der Leere des Untergrundes tritt der Impuls der Hand in der Bewegung der Zeichnung, der Zufall im Verlauf der Farbe und die Körperlichkeit der Stoffe hinzu. Jedes Bild ist die Auseinandersetzung mit dem eingeübten Sehen, das der Maler immer wieder abbricht, um den Blick anders zu erheben, und die Annäherung an etwas, das erst sichtbar werden will.
Thomas Blases Bilder bleiben vieldeutig, Umschlagplatz der Bilder, die sich abgelagert haben in der Welt und in uns, Plätze, auf denen sich neue Bilder ausbreiten wollen.